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erste LIEBE

oder

das Märchen     


von der Glasperle mit den blauen Segeln



Sie war sehr aufgeregt, als sie sich in ihrem faltenfrei gebügelten Sonntagkleidchen mit den dazu passenden weißen Söckchen und den schwarzen Lackschühchen konzentriert und angespannt auf den staubigen Boden kniete.

Ihre Chance war gering! Das war ihr bewusst!
Aber vielleicht hatte sie ja Glück!
Ihr kleines spitzmäusiges Gesichtchen wurde noch schmaler.
Entschlossen kniff sie die Augen zusammen.
Sie fixierte das Ziel. Zögerte.
Endlich setzte sie vorsichtig den Zeigfinger an, schloss die Augen.
Schon so oft hatte sie es gehört:
Sie war eins von den "hässlichen Entlein".
Ganz sicher - so hatte die Mutter gemeint - würde sich das ändern, wenn sie 14 wäre, denn Märchen hätten immer recht.
Nun aber war sie noch das kränklich blasse Mädchen von 8 Jahren mit den viel zu langen dünnen Armen und Beinen. Das sagte ihr täglich der Spiegel.
Gerne wäre sie mit den Jungen und Mädchen johlend auf Bäume geklettert, mit ihnen um die Wette gelaufen ...
Aber ihre Mutter meinte, sie dürfe sich nicht überanstrengen.
So stand sie immer


abseits.


War Zuschauerin. Und in ihren stets frischgebügelten und gestärkten Kleidchen wirkte sie wie eine leblose Puppe.
Dagegen die anderen Kinder gezeichnet vom Spiel mit roten Wangen, aufgekratzen Knien, zerrissenen Kleidern! Ihn bewunderte sie aus der Ferne.
Er war der schnellste, stärkste und mutigste: ein hochgewachsener 13-jähriger Junge und mit großen braunen Augen und dichtem schwarzem Haar.
Etwas Wildes umgab ihn.
Sie war in ihn verliebt, soweit ein kleines Mädchen zu diesem Gefühl fähig ist.

Er schaute sie verwundert an, als sie so vor ihm stand und ihm diesen merkwürdigen Tausch anbot. Ihre lächerlichen 50 bunten Tonmurmeln gegen

seine Glasperle mit den blauen Segeln.

Alle Kinder beneideten ihn um diese Rarität! Jetzt wollte diese Kleine, mit der eh keiner etwas zu tun haben wollte, mit ihm tauschen!
Ihr Verhalten war so sonderbar, dass er zunächst sprachlos war. Die anderen begannen zu lachen.
Zu blöd diese Kleine!
Aber irgendetwas in ihrem Blick veranlasste ihn zu den Worten:
"Lass uns spielen!
Wenn du gewinnst bekommst du sie.
Ein Spiel mit je 3 Murmeln! Mehr nicht!"
Großzügigerweise ließ er sie anfangen.
Sie war so aufgeregt, dass sie sehr schlecht warf.
Er postierte seine - wie erwartet - günstig. Sein Sieg war so gut wie sicher!.
Er ließ sie zappeln.
Setzte seine Murmeln nicht sofort ins Ziel.
Wartete bis es 2:2 stand. Ihre letzte Murmel
lag weit


abseits


selbst für ihn wäre es schwierig gewesen.

Ihre Lippen bewegten sich schwach. Es war so als ob sie eine Zauberformel vor sich hin murmele.

"pssssssch-klack".


Alle verstummten.

Sie hatte das (für sie) fast Unmögliche geschafft!

Er schaute verdutzt auf die Kleine. "Noch ein Spiel!" riefen seine Paladine. "Das Spiel gilt nicht!"- "Jag die dumme Kleine nach Hause!"
Er zögerte.
Seine Kumpels hätten verstanden, wenn er das Spiel für ungültig erklärt hätte.
Auf ein neues Spiel wollte er sich auf keinen Fall einlassen.
Dies wäre doch zu blamabel!
Sich geschlagen geben: das fiel ihm sichtlich schwer!
Sein Gesicht verfinsterte sich für den Bruchteil einer Sekunde!
Mit einer "tieferen" Stimme murmelte er etwas unverständliches und reichte ihr schließlich


die Glasperle mit den blauen Segeln.


Und für einen kurzen Augenblick berührte seine verschwitzte, warme Hand ihre kleine stets sich irgendwie kalt anfühlende.


Bald zog sie mit ihren Eltern weit weg, in ein Land, in dem alles für sie fremd war.
Wenn sie so verloren


abseits

stand auf dem Schulhof - all die spielenden Kinder um sie herum -, hielt sie in ihrer Jackentasche

die Glasperle mit den bauen Segeln,

um sich an ihr zu
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wärmen.






(c) g-ps-d 2003