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Frau L aus W.


Unsicher steigt sie aus dem Zug. Eine 48 stündige Fahrt liegt hinter ihr. 
In ihrem blassblauen Kleid mit dem gehäkelten Kragen wirkt sie irgdendwie verloren. Im Kontrast dazu stehen ihre klobigen Schuhe, die ihr eine gewisse Erdhaftung geben. So als wolle sie diesen Widerspruch auffangen, presst sie ihr  Handtäschchen fest an ihren Körper. Neugierig lauscht sie den Worten des Übersetzers.
Trotz ihres Alters hat sie etwas Naives an sich, denke ich und bin von ihrer Ausstrahlung fasziniert.


Am nächsten Tag treffe ich Frau L. beim Zeitzeugengespräch im Institut wieder. Meine innere Unruhe, die mir unerklärlich ist und daher beängstigend, kann ich kaum verbergen. Die Interviews, die ich bisher als Historikerin im Rahmen des Projektes durchgeführt habe, kann ich schon fast nicht mehr zählen. Ich verfüge über eine professionelle Routine: d.h. den Zeitzeugen mit geschickten Fragen aus der Reserve locken, seine Erinnerungen freilegen, die Emotionen still mittragen ohne sich mitreißen zu lassen. Ich habe schnell gelernt zwischen real Erlebtem und Fiktion zu unterscheiden.
Alles ist wie gewohnt vorbereitet. Das Diktiergerät einsatzbereit, auf meinem Gesicht das vertrauenvermittelnde Lächeln. Für das Gespräch habe ich wie immer bewusst dezente Kleidung mit einem Hauch Folklore gewählt. Dies kann ein Weste, Tuch, Schmuck sein, Geschenke einer meiner Freunde aus dem "Osten". Der prüfende Blick meines Gegenüber entdeckt meist sofort diese kleine Botschaft, die Verbindendes signalisieren soll. So auch dieses Mal. Frau L. registriert meine buntbestickte Weste aus der Ukraine. Welchen Eindruck dies auf sie hinterlässt, verraten ihre Gesichtszügen nicht.
Wie immer habe ich den besonders bequemen Ledersessel aus dem Foyer für den Gast in mein Zimmer geschoben.Frau L. hat ihr Kleid von gestern an, sitzt kerzengrade, man kann nicht sagen verkrampft eher gefasst, nur auf der vorderen Kante des Stuhls. Dies löst bei mir eine unerklärliche Enttäuschung aus.
Das Diktiergerät summt vor sich hin. Die Stimme von Frau L. ist leise, so dass ich sie mehrmals bitten muss, lauter zu sprechen. Sie schaut mich prüfend an und fährt unbeirrt fort, ihre Erinnerungen in ihrem melodiösen slawischen Singsang mehr dem Kasettenband als mir anzuvertrauen.
Auf meinem Interviewbogen notiere ich: Frau L. wurde 1928 geboren in einem Dorf im wolhynische Niemandsland, wo alles nach Stillstand riecht.
Zur Schule ging sie nicht, da diese weit entfernt war und ihre Arbeitskraft im Dorf gefragt war. Sie war aufgewachsen mit Hühnern, Schweinen, Kühen.
In der sterilen Umgebung meines Arbeitszimmers macht sich der Geruch nach frischem Heu, der Geschmack von selbstgebackenem Brot, kühlendem Wasser aus erdigen Brunnen, der Trauergesang bei Beerdigungen, die Freude bei Geburten und Hochzeiten breit. Mit meinen übersensibilisierten Sinnen vermeine ich Frau L. übermütig mit ausgebreiteten Armen im Sommerregen tanzen zu sehen und mit ihr das berauschende Gefühl die warme staubige Erde unter den Fußsohlen zu spüren. In einem eigenartigen fiebrigen Zustand kann ich den Worten von Frau L. kaum folgen.


Frau L. :
"Als ich 15 Jahre alt war (1943), arbeitete ich gerade mit meiner Mutter und meiner Schwester auf einem Feld, da kamen Soldaten, packte mich und forderte mich auf, mitzukommen. Meiner Schwester gelang es noch, in den Wald zu fliehen. Ich aber wurde in einem Güterzug nach K. verschleppt. Im Zug war es eng und es gab nur sehr kleine Fenster. Ich arbeitete schließlich in einer Metallfabrik am Fließband, wo ich Metallteile herstellten. Mein Arbeitgeber zeigte manchmal ein gutes Herz. Er brachte uns etwas Essen. Mein Lohn bestand aus zwei Mahlzeiten am Tag. Geld bekam ich keines. Die Wohnverhältnisse in den Baracken waren unerträglich. Ich arbeitete mit Franzosen und Belgiern zusammen, mit denen ich gut auskam, denn wir waren ja alle in der gleichen Lage, obwohl der Meister zu denen freundlicher war. Ich war ja nur eine aus dem Osten. Mein Heimweh war sehr groß. Da war die Sorge, wie geht es meiner Familie.
Ein Gefühl wie Hass gegenüber den Deutschen hatte ich, besonders bei Bombenangriffe, die schrecklich waren. Für mich war das Betreten der Bunker verboten. Ich kauerte mich in irgendeine Ecke und hoffte, dass Gott mich beschützt.
Als der Krieg vorbei war, kehrte ich in die Heimat zurück Ich wurde verhört und als "Vaterlandsverräterin" in ein Arbeitslager nach Sibirien gebracht. 5 Jahre war ich dort.
Als ich in mein Dorf zurückkehrte, waren meine Eltern schon verstorben. Ich heiratete A.A.L.
Wir haben einen kleinen Bauernhof mit Hühnern, Schweinen und einer Kuh. Meine Tochter M. bekommt im Herbst ein Kind.
Darauf freue ich mich. Wir sind glücklich. Wir haben genug zu essen, ein Dach über dem Kopf und können in die Kirche gehen, wenn wir wollen.
Möge Gott uns vor Kriegen für immer bewahren!"


Während des Gesprächs nestelt Frau L. ununterbrochen an ihrem Taschentuch. Ihre Stimme wird immer leiser. Als sie von den Bombenangriffen berichtet, stockt ihr Redefluss. Eine kleine abgemagerte 16-jährige in der Maske einer alten Frau!


In ihrem Blick spiegelt sich für eine Sekunde das Grauen von gestern.


Der Raum ist überfüllt von Bildern aus der Vergangenheit. Ich kann sie sehen, spüren, schmecken, hören. Aus diesem Gefühl des Berührtseins könnte ich mich mich auf den Boden werfen. Ohnmächtig, hilflos, voller Wut, Trauer, Verzweiflung, Abbitte leisten, sühnen für wen auch immer! Für vergangenes für zukünftiges Leid!  Wie oft schon habe ich mir das Grauen dieses menschenverachtenden Regimes erzählen lassen und je öfter ich sie mir anhöre, desto unbegreiflicher, monströser wird alles. "Du darfst es nicht so nah an dich heran lassen!" so mein Kollege Peter. Was auch immer er unter "es" versteht - mir hilft das wenig weiter. Meine Empfindsamkeit wächst mit jedem Zeitzeugenspräch.


Es scheint als spüre  Frau L. aus W. meine inneren Qualen. "Besuchen sie uns doch! Im Sommer, wenn die Sonnenblumenfelder blühen, ist es bei uns wunderschön!" lächelt sie mild und reicht mir die Hand zum Abschied.
Es ist keine Floskel - sie meint es ehrlich!

Und vor meinen Augen sehe ich mich als 10-jähriges viel zu dünnes, viel zu ernstes Mädchen nach unserer Ausreise aus dem osteuropäischen Niemandsland in den Westen, krank vor Sehnsucht nach dem berauschenden Gefühl die warme staubige Erde unter den nackten Fußsohlen zu spüren und mit ausgebreiteten Armen im warmen Sommerregen zu tanzen.



© g-ps-d 2003