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    farbige Schattenspiele

Es ist still. Das einzig hörbare ist das gurgelnde Plätschern des Baches neben mir.
Wenn ich mich aufsetzte kann ich durch das hohe Schilf den kleinen, blauen See erkennen.
Hinter mir steht eine Mauer aus schon brüchig gewordenem Stein, die ihren langen Schatten auf die Wiese wirft in der ich liege.
Und über mir die Krone des großen Kirschbaums. D Als kleines Mädchen verstand ich die Sprache seiner Blätter.

Im Frühjahr, wenn er voller Blüten stand, gab es nichts Schöneres als unter seinen Astwerk zu liegen und in das Kirschweiß seiner hohen Krone auf zu blicken und sich in diesem Blütenweiß zu verlieren. Einszuwerden mit dem durchschimmernden Weiß und dem duftenden Himmelsblau!

Dann! Kirschen! Die grössten, saftigsten Kirschen. Unzählige rote, wohlschmeckende Herzen von ihm für mich! Unendlich viele Liebesbeweise!

Jetzt hat der Baum im Sommer fast keine Blätter mehr, er macht schon Platz für das zarte Bäumchen, das direkt neben seinem Stamm schnell in die Höhe wächst.

Langsam drehe ich mich auf den Rücken, spüre Gras in meinem Nacken und Erde unter meinen Händen.  

Meine Gedanken schweifen ohne bestimmtes Ziel umher, ich lasse die Stimmen in mir sprechen, wie sie wollen, folge dabei dem Weg der Wolken und träume.

Auf einmal sehe ich im Augenwinkel eine Bewegung. Ein Schatten huscht an mir vorbei, fliegt in geschwungenen Bewegungen direkt über mich hinweg und setzt sich schließlich auf eine blaue Blume nahe an meiner rechten Hand.
Kurz hebe ich meinen Kopf und sehe einen großen, gelben Schmetterling.
Er hat sich ganz oben auf die Spitze der Blüte gesetzt und schaukelt mit der Blume im Wind. Es entsteht ein seltsames Spiel aus Kirschbaumlicht und Schmetterlingsschattenschatten auf der Blüte.
Er weiss nicht, dass er nur diesen Sommer hat, um von Blüte zu Blüte zu fliegen. Wahrscheinlich nicht. Doch weiß ich denn, ob ich in einem Jahr wieder inmitten dieser Blumenwiese liegen kann?
Und wer würde mich mehr vermissen als dieser neue Schmetterling, der hier auf einer anderen, wahrscheinlich ebenso schönen Blume sitzt und der nicht wissen würde, dass ich jemals hier gewesen bin?

(c) g-ps-d 2004