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Ansichtskarten



Eigentlich wollte ich nur in diesen Laden gehen.

Ich wollte nur in diesen Laden gehen, um eine Ansichtskarte dieses bezaubernden Städtchens zu kaufen.
Vielleicht mit einem lustigen Motiv, zum Beispiel dieses schreiend komische „Unsere schöne Stadt X bei Nacht”Motiv, auf dem überhaupt nichts zu sehen ist. Oder notfalls auch eine mit tiefgründigen philosophischen Sprüchen, die dafür sorgen,dass man erstmal stundenlang über sein Leben nachgrübeln muss.
„Das Schilf, das sich im Sturm neigt, bricht nicht”.

Na ja.
Es sah auch wirklich nett aus.Nur einen Steinwurf vom alten Rathaus entfernt, lag dieser kleine Bücher- mit Souvenirshop idyllisch vergraben zwischen zwei weißen Fachwerkhäusern.Schon beim Betreten des Ladens roch man diesen typischen Antiquariatsgeruch und spürte die Anwesenheit von Wissen und Kultur. Besonders vertreten durch die zahlreichen Bände großer, deutscher Denker. Hegel reihte sich an Schopenhauer, Goethes sämtliche Werke und jede Menge Kritik der reinen Vernunft.Zwischen den hochaufragenden Regalen deutscher Kultur befand sich ein hübsches hölzernes Regal mit tausenden von Postkarten.
Gut, vielleicht hätte ich hier stutzig werden müssen, denn im Gegensatz zu den praktischen Drehständern aus Metall, die einem normalerweise das Betrachten der Postkarten erleichtern,war es hier doch recht mühsam.

Die Postkarten waren nämlich in bester Massentierhaltung zu dutzenden in engen Holzkästchen zusammengepfercht. Dieses Bibliothekskarteikartensystem habe ich schon immer gehasst. Zu erkennen war so von den Kartenmotiven erstmal gar nichts, denn das Blättern einzelner Karten war unmöglich. Wie Spargel in der Flasche standen die Karten eingepfercht und unverrückbar. Um also eine überhaupt betrachten zu können, musste man mit spitzen Fingern und unter erheblicher Verletzungsgefahr, spitze Ecken,
eine rausfischen.
Irgendwie musste ich mir den Besitzer vorstellen, wie er jeden Abend mit diabolischem Lächeln und mit Hilfe eines Brecheisens die neuen Postkarten in ihren Kasten quetscht.
Aber auch an diese Tortur gewöhnte ich mich. Bis dann, ja, bis ich Bekanntschaft mit den Eigentümern dieses Ladens machte.

Es war ein älteres, nein seien wir ehrlich,ein uraltes Ehepaar, das sich auch im Alter noch liebt und mit Respekt behandelt.
„Wo sind die Rechnungen von gestern?!!!”
„Lass mich in Ruhe!”
Beneidenswert. Sie arbeitete an der Kasse, in dem Alter angemessenen Tempo, also pro Minute ungefähr drei Bewegungen und er spazierte im Laden umher und warf ab- wechselnd giftige Blicke auf seine Gattin oder auf mich.

Die Regale mit Postkarten waren gleichmäßig über den ganzen Laden verteilt, und da überall große Regale mit Büchern standen, konnte es schon mal vorkommen, dass man um irgendwelche Ecken gehen musste, um die restlichen Karten zu sichten.
Doch das war keine gute Idee von mir. Denn als ich in nicht fündig geworden war, und um die Ecke ging, um weiterzusuchen, bemerkte ich nach kurzer Zeit ein auf mich gerichtetes Augenpaar.
Der alte Mann war mir gefolgt. Jetzt blickte er mir, genau wie eben, auf die Finger. Vorhin hatte ich es noch für Zufall gehalten, aber jetzt ließ sein misstrauischer Blick keinen Zweifel. Er beobachtete jede meiner Handbewegungen mit Argusaugen.

Vielleicht wird hier viel geklaut und er muss deshalb um seinen bescheidenen Lebensunterhalt fürchten?
Ich gestatte es ihm also, da ja auch er das Recht auf einen sorgenfreien Lebensabend hat. Ist ja wirklich alles voller Verbrecher heutzutage. Nur störte es mich irgendwie doch,dass er nur einen Meter von mir entfernt stand, seine Augen unbarmherzig auf mich gerichtet.

Ich begann, mich schuldig zu fühlen. Ob ich vielleicht wirklich aussah, wie eine Verbrecherin?

Gesteuert durch meine gute Erziehung und dem gebotenem Respekt vor dem Alter, drehte ich mich zu ihm um und sagte: „Iss irgendwas?”
Prompt kam die Antwort „Kann ich ihnen helfen?”
„Nein, mir ist nicht mehr zu helfen” erwiderte ich, scherzend.

Dummerweise hat er das wohl nicht so ganz verstanden und war jetzt endgültig davon überzeugt, ich sei kriminell. Seinem bösartigen Blick folgte ein Knurren und dann eisiges Schweigen. Etwas irritiert ging ich ein Regal weiter. Ein Buch über Tiere und ihre Symbolik ließ
mich diesen unangenehmen Zwischenfall und die Postkarten für einen kurzen Moment vergessen. Als ich bei dem Ameisenlöwen angelangt war, geschah es.

„Kann ich ihnen helfen?” Da stand er wieder.
Seine Augen waren zugekniffen und aus seinen rechten Mundwinkel tropfte Speichel.
„Nein danke, suche nichts bestimmtes, wollte mich nur mal umsehen.”

Das unterschlagene Subjekt beeindruckte ihn offenbar. Schnell schlich ich mich Richtung Ausgang. Auf der Straße angekommen, drehte ich mich zaghaft um und erblickte ein bösartiges ans Schaufenster gepresstes Gesicht.

Seitdem sitze ich öfters im Café am Marktplatz und beobachte fasziniert, wie Leute als Touristen in den Laden gehen und als Verbrecher wieder herauskommen.


   (c) g-ps-d